Langsam tröpfeln offen nichtbinäre Charaktere auch in Film und Fernsehen – endlich etwas Sichtbarkeit! Wurde aber auch Zeit.

Aber was hat das für uns zu bedeuten? Viele cis-Menschen lernen jetzt wahrscheinlich Leinwand-Enbies kennen, bevor sie jemand von uns in echt begegnen. Das erspart vielleicht ein paar dumme Fragen, aber es bedeutet auch, dass manche uns mit den Leinwand-Enbies verwechseln werden.

Das ganze wirft einige Fragen auf. Sind das jetzt Quoten-Enbies? Sind das unsere neuen Vorbilder – sollen wir uns auch so verhalten? Wird es über uns auch bald solche Klischees geben wie den Spießer-Schwulen und die Kampf-Lesbe? Sind diese Charaktere realistisch, erkennen wir uns darin wieder? Kennen wir die Probleme, mit denen sie sich auf der Leinwand/im Fernsehen/im raubkopierten Stream herumschlagen müssen? Und macht es Spaß, ihnen zuzugucken?

Wir haben uns ein paar der Serien angeschaut, in denen „wir“ plötzlich vorkommen. Achtung Spoiler!

Sex Education: Cal & Layla

Das Schul-Drama Sex Education ist ein Vorzeige-Beispiel für eine gute queerfeministische Serie – es kommen ab der dritten Staffel sogar zwei nichtbinäre Charaktere vor, und der Soundtrack ist von Ezra Furman, deren Musik wir bereits in der ersten Ausgabe des Zines vorgestellt haben. Cal hat in der Serie deutlich mehr Screentime, Laylas Charakter existiert tatsächlich vor allem um Cal etwas Kontrast zu geben. Was ganz spannend ist, weil das eben am besten zeigt, wie unterschiedlich Enbies sein können.

Cal ist extrem rebellisch – und muss das auch sein, um sich in der repressiven Schule behaupten zu können. Zwischen binären Umkleideräumen, Schuluniformen, und anderen autoritären Maßnahmen bleibt Cal sich immer treu, und erfährt für diese Rebellion auch eine Menge Repression, bis hin zu öffentlichem Pranger und eingesperrt werden. Damit zeigt die Serie nicht nur, durch welche Hölle nichtbinäre Schüleris in dieser binären Welt gehen müssen, sondern auch wie Rebellion funktionieren kann, und welchen Preis sie hat. Denn Cal lässt sich die gesamte Serie über nicht einschüchtern.

Layla hat im Vergleich zu Cal sehr viel weniger Kraft, um sich zu wehren und sich immer wieder zu erklären… da hält Layla lieber den Kopf unten und steckt den Scheiß weg. Das ist nicht unbedingt einfach für Cal, weil die autoritäre Schulleiterin versucht, Layla gegen Cal auszuspielen – aber Cal demaskiert diesen Spaltungsversuch. Wirklich solidarisch miteinander sind die beiden aber kaum.

Worauf ich ein bisschen neidisch bin: Cal hat zero Zweifel an der eigenen Identität. Cal weiß sehr gut was gut für sier ist und was sier will – mir fällt das erst langsam leichter, seitdem ich selbst keine Zweifel mehr an meinem Geschlecht habe. Mir geht es da immer noch ein bisschen wie Layla; ich bin mir nicht so sicher, ob ich es wirklich verdient habe, gut behandelt zu werden. Umso schwerer fällt es mir, das zu erkämpfen.

Und die leider auch transfeindliche Diskussion unter Cal’s Wiki-Seite auf sexeducation.fandom.com zeigt auch, wie nötig das ist. Die Stärke die man braucht, um sich den geballten gesellschaftlichen Zweifel zu geben, ist nicht selbstverständlich. Da braucht man einen ordentlichen Schutzpanzer.

Ein bisschen zeigt sich das auch in Cals Romanze mit Jackson, dem Ex-Schulsprecher, der Cal sehr mag, aber dem es schwer fällt, Cal nicht als Frau zu sehen – wo Cal dann aus Selbstschutz eine Grenze zieht und Jackson zu verstehen gibt: „Ich kann dich nicht so nah an mich ranlassen, wenn du diese Zweifel dann bei mir ablädst“. Das ist zwar ein bisschen traurig, aber auch erfrischend, weil es zeigt dass „happily ever after“ eben nicht immer der beste Ausgang einer Romanze ist.

DRUCK: Isi

In der siebten Staffel von Druck hat Isis Gang ihr letztes Schuljahr vor sich und ist voll dabei, sich auszuprobieren und alle Fehler zum ersten Mal zu machen. Ein bisschen ist die Youtube-Serie wie Skins UK – verschiedenen Charakteren wird ohne große Wertung über die Schulter geguckt. Das ist auch gut… die Beziehungsdramen, die die Schüler*innen erleben, haben eben immer viele verschiedene Seiten.

Obwohl Isis Coming-Out erst gegen Ende der Staffel kommt, kommen die ganzen Enby-Themen schon von Anfang an mit rein, das erste „ist das dein Bruder oder deine Schwester“ fällt schon in der ersten Folge. Trotzdem wird Isi von der Serie nie klar definiert – ich würde sagen Isi ist genderfluid, aber vielleicht auch nur, weil ich viel von mir in dem Charakter wiedererkenne.

Ganz am Anfang lernt Isi Lou kennen. Lou ist Sprengstoff mit dem Charme eines Skinheads, versprüht auch ziemliche Enby-Vibes und wirbelt Isis Leben ganz schön durcheinander. Ihre Freundschaft hält sich weder an die Grenzen der Legalität noch der Rücksicht, und leider auch nicht immer an die Grenzen der beteiligten Personen. Doch Lou gibt Isi einen wichtigen Schubs in Richtung Befreiung. Das hat mich total an die Menschen erinnert, die diese Rolle in meinem Leben hatten, und mir geholfen haben, rauszufinden wer ich bin.

Eine spannende Rolle spielt, wie Isis türkischstämmige Familie mit dem Thema Queerness umgeht. Auch hier kriegt es die Serie relativ gut hin, das Thema zu behandeln, ohne einseitig oder flach zu werden; und als Isi endlich lernt, zu sich selbst zu stehen, kommt auch der kleine Bruder damit klar. Ich finde cool, dass das auch behandelt wird, aber ganz kann ich die Serie da mangels Migrationshintergrund nicht einschätzen. Ich bin mir ja auch bei der Jugendsprache der Gang nicht ganz sicher, ob die Leute heute wirklich so reden.

Isi beim Coming-Out zuzuschauen war ein bisschen schmerzhaft für mich… nicht aus Dysphorie-Gründen, sondern weil ich jeden einzelnen Fehler, den Isi begeht, auch schon gemacht habe. Leider ist Isi nicht allzu gut im kommunizieren und Grenzen aufzeigen, beziehungsweise muss es erst noch lernen. All diese Schwächen machen den Charakter sehr menschlich. Und das ist auf jeden Fall sehr gut gemacht.

Feel Good: Mae Martin

Obwohl es ein Comedy-Special ist, und die Hauptperson sowie einige ihrer Freunde Comedians sind, ist Feel Good wohl die ernsteste Serie in dieser Rezension. Und die erwachsenste, es geht viel um Sucht, Trauma, ADHS, und fragwürdiges Beziehungsverhalten.

Mae Martin spielt sich selbst. Die Serie ist semi-fiktional, das ist also nicht alles so passiert, Maes Persönlichkeit ist aber wahrscheinlich sehr nah an der Realität. Mae hat sich erst nach der 1. Staffel öffentlich geoutet, aber Nichtbinarität klingt schon in der 1. Staffel hin und wieder an.

In der Realität benutzt Mae they/them-Pronomen, ist aber auch mit she/her okay. Die Serie benutzt quasi immer she/her, auch im englischen. Das ein oder andere „Sir“ kommt vor – classic gender euphoria moment. Aber man hört auch viel „you girls“ und binäre Denke, da versucht Feel Good auch gar nicht erst, Sachen schönzureden. Diese Serie ist kein Safe Space. Mae verzieht bei vielen dieser Szenen kein Gesicht, aber ich zucke oft innerlich ein bisschen zusammen. Mir geht es oft so, dass ich den Moment nicht ruinieren will, nur weil mich mal wieder jemand in die falsche Box gepackt hat… was natürlich nicht heißt, dass es Mae zwangsläufig auch so geht.

In keiner der anderen Serien werden nichtbinäre Charaktere so verwundbar gezeigt – hier glänzt Mae mit großartigem self-deprecating humour. Die Ironie schafft aber nie wirklich Distanz zu den ernsten Themen, sondern macht es eher leichter, sie auszudrücken.

Spannend ist dabei, dass Mae ja sich selbst spielt, und all diese schwierigen Themen wohl auch selbst durchhat. Viel authentischer kann eine Serie nicht werden. Mae spricht für sich selbst, und ist sich in der Serie über Gender-Themen auch nie so hundertprozentig sicher. Damit löst Mae das Repräsentationsproblem elegant auf – ich fühle mich so, aber ich bin mir nicht immer sicher, ob ich wirklich nichtbinär bin, und das ganze ist doch eh fluide, also wer weiß ob sich andere nichtbinäre Menschen so fühlen.

Wirklich schade, dass man Feel Good an einem Vormittag schon durchgeguckt hat.

One Day at a Time: Syd

Eine Sache ist erfrischend an One Day at a Time: obwohl eine Sitcom, macht die Serie auch dann Spaß, wenn man an Diskriminierung leidet. Zumindest wenn man nicht nüchtern ist, denn die Witze sind teilweise sehr flach. Aber es ist eben keine „normale“ amerikanische Familie wie bei den Simpsons oder Rick & Morty, sondern eine exil-kubanische Familie, die ihren ganz persönlichen, alltäglichen Umgang mit Rassismus, Klassismus, Sexismus, und Homophobie finden müssen. Ihr Alltag ist auf eine sehr banale Weise empowernd.

Syd ist in einer Beziehung mit Elena, der lesbischen Tochter der Familie. Also eher eine Nebenrolle. Im deutschen werden Syds they-Pronomen mit „alle/deren“ übersetzt, und sind erstmal nur ein Lacher; aber zumindest geht der nicht nur auf die Kosten der anwesenden Enbies, es wird sich mindestens genauso viel über Elenas Oma lustig gemacht, die nicht versteht, worum es geht. Misgendering findet keins statt.

Syd ist jedenfalls extrem nerdig, und das auf eine feminine Weise, was für sich zu selten gezeigt wird. Syd wird leider von einer cis-Schauspielerin gespielt – als gäbe es nicht genug nichtbinäre Schauspieler*innen. Ein bisschen uncool fände ich auch, wenn die Schauspielerin Dysphorie darstellen müsste, ohne sie zu kennen, dadurch könnten Leute einen falschen Eindruck bekommen, wie sich das anfühlt. Auf der anderen Seite müssen Schauspieler*innen ja ständig Gefühle darstellen, die sie nie selbst erlebt haben, etwa die einer Mutter oder einer Mörderin. Die Struggles von Syd stehen eh nicht so im Vordergrund, weil Nebenrolle, und die exklusiv nichtbinären Themen werden trotzdem recht gut umgesetzt.

Stattdessen ist Syd ein schönes Beispiel dafür, dass man kein Dysphorie braucht um nichtbinär zu sein und dass man nicht zwangsläufig von seinem AGAB abweichen muss, wenn man sich wohl mit Feminität fühlt. Syd ist viel mehr über deren nerdigen Feminismus definiert als über Gender oder so. Das beste Wort, um Syd zu beschreiben: „adorkable“. Und auf diese Weise kann die Serie Themen wie Pronomen und gegenderte Begriffe (statt boy/girlfriend ist Syd Elenas „Syd-nificant Other“!) behandeln, ohne sie zu ernst nehmen zu müssen.

Manchmal ist Syd vielleicht ein wandelndes Klischee – oder sogar mehrere, weil Syd und Elena auch noch für awkwarde Nerdigkeit, lesbisch übertriebene Romantik, aufdringlichen Klima-Aktivismus und falsch verstandene Awareness herhalten müssen. Aber wenn mehrere Enby-Charaktere sehr verschiedene Klischees repräsentieren, ist mir das deutlich lieber, als wenn es nur ein nichtbinäres Klischee gäbe.