Triggerwarnung: Ich erzähle aus meinem Herzen, dort ist viel Wut, Hass, Trauer sowie explizite Beschreibung vonGewalt, selbstverletzendem Verhalten und Folter.
Das habe ich mir nicht so ausgesucht, aber das ist da. Aber da ist auch Liebe.
Ich bin oft einsam.
Ich will Perspektiven schaffen, nicht weil ich daran glaube, dass wir gewinnen, sondern weil ich es weiß.
Über meine Leiche.
Ich will, dass ihr zuhört, besonders wenn ihr Endo und Cis seid, denn ich kenn‘ kaum dyacissen, die mir zuhören.
Letzten Winter versuchte ich einen stationären psychiatrischen Aufenthalt, mit der Idee, dass ich ja sonst schon alles versucht hatte. Von vornherein wusste ich, dass es riskant ist für Menschen wie mich. Von vornherein hatte ich Angst dort eingesperrt zu werden. Wie meine Mutter. Wie meine Großmutter.
In der Psychiatrie wurde ich stets misgendert, meine Hormontherapie und wichtige Medikamente wurden mir entzogen. Zwei Wochen lang musste ich dort ausharren, mit dem stetem Versprechen, dass sie ja bald einen Therapieplan für mich hätten, dass der Krankenstand ja so hoch sei und deshalb niemand mit mir reden könne. Meine ambulante Psychotherapie musste ich abbrechen damit ich auf die Station zugelassen wurde. Und dann haben sie mich nichtmal versorgt. Meinen Sport, in dem ich mir eine Community aufgebaut hatte, wurde mir verboten, obwohl ich schon vor der Aufnahme besprochen hatte, mit dem Fahrrad von der Klinik dorthin zu fahren.
Erklärung:
Als cisgeschlechtlich bezeichnen sich manche Menschen, deren Geschlechtsidentität gleich ist, wie das bei Geburt zugewiesene Geschlecht. Diese Zuweisung machen z.B. Ärzt*innen, Beamte, oder Geburtshelfer*innen.1
Kurz kann man dann sagen: Cis.
Cisgeschlechtliche Menschen können sowohl Inter* als auch Endo sein.
Als endogeschlechtlich werden Menschen bezeichnet, deren körperliche Geschlechtsmerkmale bei Geburt in eine eindeutige medizinische Kategorie von männlichen oder weiblichen Körpern gepasst hat. 2
Endogeschlechtliche Menschen, werden auch als dyadische Menschen bezeichnet.
Kurz kann man dann sagen: Endo, Dya.
Mir wurde das Warten zu viel. Ich entließ mich selbst. Aber sie wollten mich nicht gehen lassen, weil ich mich gerade wieder mit Ihnen über Ihre mangelnde Versorgung gestritten hatte. Sie drohten mir mit der Polizei. Ich ging trotzdem, Anfang Dezember.
Aber für mich war etwas gestorben. Ich konnte nicht mehr schlafen, ich wurde ver_rückt. Ich wollte allein an einer Eisenbahnbrücke stehen und dort heilen, mich mit dem Universum verbinden. Ich hatte keine Worte für meine Spiritualität, ich hatte keine Worte für das, was ich als geschlechtliche Göttlichkeit empfand. Ich hatte keine Worte mehr, für meine Gefühle. Also redete ich nicht. Sie dachten ich will mir etwas antun. Sie dachten, dass ist Grund genug mich einzusperren. Nicht nur die Bullen. Auch die, die ich damals zu meinen Freund*innen zählte. Die, die nur gutes meinten, aber für die Selbstbestimmung, nicht bedeutete andere auch mal gehen zu lassen.
Es kam zur Zwangseinweisung, die Details will ich euch ersparen. Ich wehrte mich. Pfefferspray, illegale Fixierung, und dann auch Folter, Schlafentzug, zu heißes Essen, das in meinen Mund befördert wird, lebensgefährliche Sedierungsmittel, die direkt in meine Venen gespritzt wurden, permanente Überwachung, meine Pisse die in einen undichten Behälter tröpfelt, weil ich nichtmal auf Toilette gehen darf. Sie unterstellten mir Drogen genommen zu haben, was nicht stimmte.
Erklärung:
Hormontherapie ist etwas, das manche trans* Inter* oder nicht-binäre* Personen machen. Manchmal mit und manchmal ohne Begleitung. Diese Personen, nehmen dann Sexualhormone ein, die ihr Körper nicht genug selbst produziert. Sexualhormone, steuern zum Beispiel, wie glatt die Haut ist, wie groß ein Genital wächst, oder wieviel Bartwuchs man hat. 3
Kurz kann man dazu sagen: HRT
Zwangseinweisung, ist eine legale Maßnahme, die im Psychisch-Kranken-Gesetz geregelt ist.4 Damit dürfen Ärzt*innen, Menschen wie mir, ihre Selbstbestimmung nehmen. Das Gesetz war Teil der Psychiatriereform zwischen 1970 und 1990.5 Die Heidelberger Universität, arbeitete für die Nazis und sie arbeitete auch an der Medizin in der Nachkriegszeit, die dann reformiert wurde.6 In Italien wurden die Psychiatrien ganz abgeschafft. 7
Das sind die Reste von dem, was im Höhepunkt Aktion T4 genannt wurde. Die preußische Gewalt, die Inquisition, die nie ganz wegreformiert wurde. Irgendwann durfte ich wieder auf Toilette. Es gab nur binäre Klos. Ich weigerte mich, mich zu entscheiden. Ich weigerte mich, mich Ihnen anzupassen. Ich kackte in den Flur. Wieder folgte Zwang. Zwei Wochen kämpfte ich darum, eine Richterin zu sehen, die mich sofort freiließ, aber den Behandelnden Ärzt*innen nur einen metaphorischen Klaps auf die Finger gab, einen Tag vor Weihnachten.
Ich war wieder draußen, aber ich konnte nicht mehr zurück in mein Leben. Ich war wohnungslos, ausgegrenzt, zur Täter*in erklärt. Im Arztbrief standen lauter ausgedachte Diagnosen, lauter Unfug, lauter Fachbegriffe. Hystrionisch sei ich, aufgrund meines Geschlechts. Weil ich stets darauf beharrte, die gleiche Behandlung zu kriegen wie alle binären auch. Weil ich nicht klein beigegeben habe, und das ja ver_Rückt sei, nicht kleinbeizugeben, wenn die Ärzt*innen immer weiter eskalieren. Hystrionisch sagt man heutzutage, weil man hysterisch nicht mehr sagen darf. Ich blieb ein paar Tage bei meiner Familie. Ich traf ein paar Freund*innen, ich fand hier und da eine Couch, auf der ich schlafen konnte und nach einigen Monaten, fand ich nach Berlin, ins Weglaufhaus, in die Villa Stöckle. Die einzige (mir bekannte) Anti-Psychiatrische Einrichtung in Deutschland. Noch einmal Hoffnung, irgendwo einfach mal ein paar Wochen gehalten zu werden.
Erklärung:
Pathologie bedeutet Lehre der Krankheit. Pathologisierung ist also, wenn man etwas durch diese Lehre betrachtet. 8
Psychopathologie beschreibt, manche Bewusstseinszustände, Gefühle und Erinnerungen als krank. Psychopathologische Denkweisen werden auch an Universitäten gelehrt. Manche Firmen nutzen dass, um mehr Medizinprodukte zu verkaufen. 9
Viele internationale Gremien sagen, dass Trans* Menschen krank sind. Dafür gibt es Nummern und Diagnosen.10 Die Weltgesundheitsorganisation sagt das zum Beispiel. Oder auch manche Religionen.
Aber das stimmt nicht.
Bis 2011 wurden Trans* Personen zwangssterilisiert.
Erst 2021 wurden Zwangsoperationen an Inter* Kindern verboten. 11
Ich muss weinen.
Noch einmal Enttäuschung, Institutionen, Finanzierungsdruck. Der Widerspruch zwischen Wohlfahrt und Mutual Aid. Ein Hausverbot, weil ich Regeln nicht akzeptierte, die dazu führten, dass Unschuldige auf die Straße gesetzt wurden, nur weil kein Geld mehr da war. Weil ich auf der leeren Matratze neben mir, jemanden schlafen ließ, die keine Bleibe hatte.
April dann, fand ich den Weg nach Rostock, einfach um irgendwo zu sein. Ein Sommer lang Ruhe.
Juni konnte ich die Medis absetzen, die sie mir unter Zwang gegeben hatten.
Juli konnte ich Bürgergeld in Rostock beantragen, für das ich seit dem kämpfe.
August konnte ich Eingliederungshilfe beantragen, auf die ich seit dem warte.
Im Oktober, hat eine Freundin von mir aus Verzweiflung eine Menge Pillen und Alkohol geschluckt, und wurde auf die geschlossene gebracht. Sie tat das, aus Trauer, um eine andere Person die sich umgebracht hatte.
Der Vermieter kündigte uns Fristlos. Der Krisenmodus ging wieder an.
Im Dezember wieder jemand.
Erklärung:
Antipsychiatrie ist eine vielfältige politische Bewegung. Sie setzte sich gegen die Verletzung von Menschenrechten durch psy_ Einrichtungen ein. Die Bewegung war zwischen 1970-1990 am größten. Die Bewegung hat unterschiedliche Standpunkte, ist sich aber einig, dass es keine Zwangsmaßnahmen geben sollte. Viele sind auch gegen die Verschreibung von Neuroleptika. Neuroleptika sind eine Gruppe von Arzneimitteln. Antipsychiatrie ist auch gegen Elektroschocktherapie, und sieht diese als Folter. Manche sagen, es sollte gar keine Psychiatrien geben. 12
Als Vordenker der Antipsychiatrie, gilt unter anderem auch Michel Foucault.
Er war auch queer und ver_rückt und hat viel über Wahnsinn, Geschlecht und Sexualität geschrieben.
Er starb an HIV.
Was die Suizidversuche und den Suiziderfolg verbindet, ist unser Trans* sein. Das angespuckt werden, das ausgegrenzt sein, von normalem Alltag, Arbeitsleben und allem anderen in dieser Gesellschaft.
Ich weiß nicht, wie lange wir das noch durchhalten. Dieses System zermürbt uns alle, der Faschismus war nie Weg, und wird wieder sichtbarer.
Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte.
Die Aktion-T4 war 1939 der Anfang der systematischen Vergasungen, weil sich niemand für die ver_rückten und be_hinderten interessiert hat, Jahre bevor andere Bevölkerungsgruppen vergast wurden. Interessiert euch für uns. Feminismus heißt für mich, selbstbestimmt und gemeinschaftlich Leben und Handeln. Queer, Klassenbewusst, Radikal, nicht-binär, ver_rückt. Meine bitte an die, die einem der weniger trauernden Geschlechter angehören, ist heute folgendes: Kämpft für uns mit. Für die Toten. Für die Lebenden.
Es geht nicht darum, euren Freund*innen zu zeigen, wie cool, hip und links verszenigt ihr seid. Es geht um Achtsamkeit, um Raum einnehmen, um Wut zulassen. Es geht um die verfickte ganze Welt. Es geht darum zu zeigen, dass Feuer von unten nach oben brennt.
Erklärung:
†
Aktion T4, nennt man die Ermordung von über 70.000 be_hinderten, ver_rückten und pathologisierten Menschen durch Giftgas, innerhalb von einem Jahr. Das sind ungefähr acht Morde, pro Stunde. Sie war Teil der Krankenmorde, in denen über 200.000 ‚kranke‘ Menschen getötet wurden.13
Die Deutschen nannten das damals Hygiene, also Sauberkeit. Im Völkermord gegen Sinti und Roma und im Holocaust, wurden noch viel mehr Menschen ermordet. Trotzdem werden die Morde an be_hinderten, ver_rückten, und pathologisierten Menschen zu wenig thematisiert. Auch Hysterie, war damals ein Grund ermordet oder sterilisiert zu werden. Hysterie wurde oft als die Erkrankung der Gebärmutter bezeichnet. Das Wort Hysterie stammt von Uterus ab.13 Uterus bedeutet Gebärmutter. Das ist auch Misogyn.
Trans*männer, Twinks, und genderqueere loverbois: ich liebe euch so sehr. Endo-Cis Männer, ich liebe euch. Und besonders all die materialistischen queer Feminist*innen hier: Ich liebe euch. Lasst euch nicht ausgrenzen, von denen, die Denken, der Kampf gegen das Patriarchat gehört nur einem Geschlecht.
Erklärung:
Mutual Aid bedeutet sich gegenseitig zu helfen. Der Begriff wurde von einem anarchistischen Kommunist geprägt. Dieser Mensch hieß Pyotr Kropotkin.14
Mutual Aid kann zum Beispiel heißen, füreinander zu kochen. In Rostock gibt es Montags Essen für alle, um 19:00 in der Niklot Str. 5. 15 Mutual Aid heißt für Trans*, Inter* und gender-queere* Personen oft auch, Medizin miteinander zu teilen, Hormone zum Beispiel. Sich gegenseitig zu Ärzt*innen begleiten, kann auch Mutual Aid sein. Mutual Aid wird nie bezahlt. Gruppen die das organisieren, orientieren sich am Konsensprinzip. Das heißt, dass nicht eine Einzelperson etwas entscheidet, sondern alle gemeinsam.
Klassenkampf heißt, die Arbeiter*innen stehen den Kapitalist*innen gegenüber. Die einen leisten Arbeit, die anderen klauen den Wert.16
Für legale Schwangerschaftsabbrüche.
Dafür, dass Männer in Gyn Praxen mit Selbstverständlichkeit behandelt werden.
Dafür dass trans* Personen entpathologisiert werden, dass wir in Sachen Kinder und Adoption gleichgestellt werden.
Wir sind keine schlechten Eltern.
Wir sind keine Gefahr für Kinder.
Dafür, dass wir ‚normale‘ Jobs genauso leicht kriegen, wie andere.
Für medizinische Transition, auch ohne Zwangstherapie.