Mit 12 hatte ich mein Coming Out als Punk. Ich kam eines Tages mit gefärbten Haaren in die Schule, und ich wusste damals noch nicht so richtig was zum Punk-sein dazugehört, aber etwas war anders.

Rückblickend betrachtet war das mein erster Transitions-Schritt. Denn alle möglichen Erwartungen, die normalerweise für Jungs in meinem Alter galten, bekamen von meiner orangenen Emo-Frisur und meiner mit Parolen beschmierten Hose den Mittelfinger gezeigt.
Punk brach aber auch nicht mit allen Erwartungen. Die Leute rechneten nach wie vor noch damit, dass ich Kraftausdrücke verwenden und bei der ersten Gelegenheit Alkohol & Zigaretten ausprobieren würde. Sie beleidigten mich auch nach wie vor als „schwul“ (und waren sich damit etwas sicherer als vorher). Aber das ganze „Haus bauen, Baum pflanzen, Kinder zeugen“, Karriere machen, die Ehefrau betrügen… niemand erwartete mehr, dass ich vom Jungen zum Mann werden würde.
Welche Erwartungen will ich erfüllen? Welchen zeige ich den Mittelfinger?
Vorher war ich ein Nerd, und ganz ging das nie weg. Wenn man an Nerds denkt, kommen ganz andere Erwartungen auf als bei Punks oder „normalen“, sportlichen Jungs. Schon Sport kann man sich schwer vorstellen. Kraftausdrücke, Alkohol, Zigaretten? unwahrscheinlich. Dafür muss man erwarten, dass sie gar nicht mit einem reden, und wenn doch, dass man über ein Thema zugetextet wird, dass einen nicht interessiert. Und natürlich erwartet man dass der Nerd männlich ist; und wenn all diese Dinge nicht zutreffen, ist man überrascht. Der Nerd muss sich rechtfertigen, anders zu sein als andere Nerds.

Heute wäre ich gerne/bin/versuche ich eine Technik-Hexe zu sein. Ähnlich wie Nerds haben Hexen Zugang zu okkultem Wissen und sind einzelgängerisch; aber in ihrer Andersartigkeit werden sie respektiert, und sie nutzen ihr Wissen zum Wohle des Dorfes. Die Hexerei ist meine nächste Transition, ein weiterer Schritt dahin, die Leute um mich herum restlos zu verwirren (mein Punk-sein sieht man mir ja auch noch an, und den Unterschied zu Nerds werden viele nicht begreifen). Mal sehen, ob ich damit durchkomme.
Mit vielen Erwartungen, die für Frauen gelten, müssen Hexen sich nicht herumschlagen. Kinder kriegen? Eltern pflegen? Sonntags in der Kirche oder bei der Gartenparty ein perfektes Outfit haben? Nach dem Essen abräumen? Unwahrscheinlich, dass die Hexe sich dem beugt. Und sexuell sind Hexen nicht abstoßend wie die meisten Nerds, sondern gefährlich – wer weiß schon mit wem sie nachts ums Feuer tanzen. Wer wäre nicht gern eine Hexe?
Die Geschlechter denen, die drin wohnen
Verschiedene Frauen müssen mit verschiedenen Erwartungen kämpfen. Terry Pratchett beispielsweise führt gleich drei verschiedene Hexenfiguren ein, die Vettel (Oma Wetterwachs), die Mutter (Nanny Ogg), und das Mädchen (Margrat Knoblauch), die verschiedene Weiblichkeiten repräsentieren. Ob dick oder dünn, promiskuitiv oder verschwiegen, cis oder trans (stealth oder geoutet), „single“ oder „verfügbar“, stark oder verletzlich – wenn Menschen eine Frau ansehen, sehen sie verschiedene Wege wie man sie benutzen kann. Und nicht nur bei Männern muss man davon ausgehen.
Ich träume von einer Welt, in der Menschen sich nicht nur gegenseitig benutzen. Die feministische Schwarze Autorin bell hooks nennt das Liebe: einen Umgang bei dem das Ziel das gegenseitige persönliche Wachstum ist, dass man sein Gegenüber als Selbstzweck behandelt statt nur als Mittel zum Zweck. Das heißt, dass wir uns einvernehmlich so behandeln sollten wie wir behandelt werden wollen; und dass wir uns dabei unterstützen sollten, herauszufinden was wir eigentlich wollen.
Wer weiß, vielleicht bin ich eine binäre trans Frau, rein neurologisch, falls es so etwas gibt. Ich fühle mich gut auf Östrogen und sowas ist ja eh nicht messbar. Aber selbst dann würde ich keine sein wollen. Denn all die Erwartungen, die an Frauen gestellt werden, damit lasse ich mich nicht fertig machen. Wer mich anschaut, soll erstmal rätseln womit er/sie/es es zu tun hat. Ich will, dass die binäre Denke, die Frage „bist du Sexobjekt oder Konkurrenz?“ bei mir nicht funktioniert.
Aber ich will für andere Menschen da sein. Ich will ihnen zuhören wenn es ihnen schlecht geht, ihre technischen Probleme fixen, ihnen beim Umzug helfen, Komplimente machen wo es angemessen ist, ironisch gemeinte schlechte Ratschläge geben, ihnen die Haare beim kotzen halten, ich will lieben und geliebt werden. Und wer das wahrnimmt, wer das sehen kann, wird mich weit über mein Geschlecht hinaus verstehen.

Nomadische Identitäten: muss ich irgendwo ankommen?
Ich habe jahrelang nicht verstanden, dass ich trans bin. Ich hörte immer nur, dass es beim trans sein darum gehe, im falschen Körper geboren zu sein; das fühlte sich nicht so an. Ich wollte nie von Mann zu Frau transitionieren, einfach aus einer Stadt in eine andere umziehen; ich würde mich ja auch dort nicht zuhause fühlen.
Stattdessen probiere ich viele Städte aus, und reise von einer Identität in die nächste. Transition is a journey, aber auch jede journey ist eine Transition. Denn an einem neuen Ort, mit neuen Menschen, verhält man sich automatisch immer ein bisschen anders. In manchen dieser Identitäten fühle ich mich mehr zuhause, in manchen weniger. Und damit bin ich nicht alleine.
Ich bin zum Beispiel froh, kein mackriger Teenager mehr zu sein, aber den meisten cis Männern geht es vermutlich auch so. Die haben ja auch ihre Transitions-Schritte, ihre Initiations-Rituale, und müssen mit allen möglichen Erwartungen kämpfen. Männer haben allerdings viel weniger akzeptierte Geschlechter-Rollen als Frauen, weniger Wege um stolz und glücklich werden zu können. In Torrey Peters‘ Roman „Detransition, Baby“ spricht sie vom Sex and the City-Problem, dass Frauen im mittleren Alter sich entweder durch Karriere, Kinder, Kunst, oder ihre Beziehung verwirklichen müssen um etwas wert zu sein. Bei Männern ist die Karriere beinahe das einzige was bleibt. Selbst ihre Kunst ist nur etwas wert, wenn sich eine Karriere darauf aufbauen lässt.
Diese Erwartungen lasse ich für mich nicht gelten. Dabei hat Punk mir enorm geholfen. Doch gerade ist die Hexerei mein Weg um dem Sex and the City-Problem auszuweichen, und mal sehen was es als nächstes wird. Denn nicht mein Körper ist falsch, im Gegenteil, ich mache mir daraus was mir gefällt. Falsch ist nur, wie wir uns gegenseitig behandeln.
